Neue Haut in alten Kleidern

Es ist vollzogen. Ich bin auf Xfce umgestiegen.

Ich hätte es ja nie geglaubt. Ich fand Xfce immer minderwertig gegenüber GNOME. Im Vergleich mit GNOME 2 war es das ja auch. Und ich wusste nie, warum Menschen Xfce verwenden, wenn sie ein System haben, auf dem problemlos auch GNOME läuft. Ok, so ganz kann ich das auch jetzt noch nicht verstehen, zumindest nicht, warum man Xubuntu verwenden sollte, das ja immerhin fast genau so ein Ressourcenfresser wie Ubuntu mit GNOME ist, aber eben „nur“ Xfce mit seiner im Vergleich deutlich reduzierten Funktionalität mitbringt.

Ich habe ja lange überlegt, was ich machen soll, wenn GNOME 2 den Löffel abgeben muss. Xfce war eine Option, aber so ganz ernst war mir das eigentlich nicht. Wer nimmt schon gerne den kleinen Bruder, wenn man den großen gewohnt ist?

Nun, da GNOME 3 das GNOMEsche Bedienkonzept revolutioniert hat, gibt es den großen Bruder aber nun mal nicht mehr und der kleine hat nun konkurrenzlos die Alleinstellung in seiner Nische.

Meine Überlegungen, mit dem Problem umzugehen, gingen über E17, Openbox und gänzlichen Verzicht auf eine grafische Oberfläche. Letzteres hat sich in der letzten Zeit eigentlich immer mehr zur favorisierten Lösung erhoben, nachdem ich den Terminal-Multiplexer tmux entdeckt habe. Gäbe es da nicht ein Problem: Da die meisten Webseiten einfach nicht für komfortable Bedienung in einem Textbrowser ausgelegt sind, brauche ich unbedingt einen grafischen Browser. Und da ich eine Zwischenablage brauche, die den Browser mit allem Anderen verbindet, ist ein ständiger Wechsel eher weniger sinnvoll. Und damit muss da dann schon ein bisschen mehr sein und es muss sich insgesamt angenehm bedienen lassen.

Letztlich habe ich meine Vorbereitungen weitgehend vor mir her geschoben, bis die GNOME Shell dann eines Tages auf meinem Desktop prangte. Nach ein paar Stunden fand ich es dann auch nicht mehr so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Ich hatte ja damals schon so einige Vorzüge der GNOME Shell festgestellt und mein Eindruck hat sich nun eher noch verbessert als verschlechtert. Problematisch finde ich nach wie vor das Kontrollzentrum und die spärlichen Einstellungsmöglichkeiten. Der dconf-editor (Pendant zum gconf-editor) und die GNOME-Tweak-Tools helfen auch nur sehr begrenzt weiter. Es ist einfach nicht mehr das, was es war.

Sehr praktisch finde ich das neue Anwendungsmenü. Windows-Taste drücken, ein paar Buchstaben eingeben, Enter, Programm startet. So lieb ich das!

Ich finde, man kann mit GNOME 3 durchaus arbeiten. Ich denke, ich könnte damit auch leben. Aber irgendwie ist mir mein altes Look&Feel dann doch lieber. Es war ja nicht umsonst so stark angepasst, sondern weil ich das so am angenehmsten finde. Und am nächsten komme ich da immer noch dran, wenn ich es auf Xfce portiere. Also hab ich das nun mal gemacht. Und ich muss sagen, ich bin positiv überrascht. Ich kann nicht behaupten, dass ich irgendwas wirklich vermisse. Als Dateimanager nutze ich PCManFM, da Thunar kein Tabbing unterstützt und Nautilus nicht mehr auf GTK+ 2.0 basiert und sich somit nicht wirklich gut in den Desktop integriert. Mir fehlt noch die Temperatur meiner Festplatte im Panel, ansonsten ist eigentlich alles wie vorher.

Wirklich erstaunlich. Ich war ja bisher immer etwas skeptisch, wenn Zweckoptimisten und solche, die Xfce sicherlich nie als Option für sich selbst sehen würden, sondern eher auf GNOME 3, Unity oder KDE umsatteln dürften, die Meinung vertreten haben, Xfce wäre eine Alternative und bekäme durch die Wandlung von GNOME nun die Möglichkeit, sich gegenüber einer breiten Zielgruppe zu positionieren und aus dem Schatten seines großen Bruders zu treten. Aus derartigen Beiträgen lässt sich für gewöhnlich recht deutlich herauslesen, dass sie von Menschen geschrieben sind, die alles benutzen würden, nur nicht Xfce, und sich in der Regel über Unity und GNOME 3 freuen oder sich zumindest eher damit abfinden, als zu Xfce zu wechseln.

Erstaunt war ich darüber, dass einige namhafte Linux-Entwickler von GNOME zu Xfce gewechselt sind (die anderen sind größtenteils zu spartanischeren Lösungen übergegangen). Ich habe mich gefragt, ob sie mit diesem „Downgrade“ (GNOME => Xfce) wohl wirklich glücklich werden.

Tja, nun habe ich es selbst gemacht und empfinde das eigentlich gar nicht so, dass ich das Niveau meiner Desktop-Umgebung großartig gesenkt hätte. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich meinen angepassten Desktop weitgehend übernehmen konnte. Anders ist abgesehen vom Dateimanager eigentlich nur das Panel, das unter GNOME zuletzt nur noch der versteckte Parkplatz für Systeminformationen war und es auch jetzt wieder ist.

Ich habe auch schon einen Vorteil von Xfce gegenüber dem alten GNOME entdeckt: Es ist möglich, mehrere Desktop-Hintergründe anzugeben, die zufällig angezeigt werden. Einen automatischen Wechsel habe ich da zwar noch nicht bemerkt oder Einstellungen dazu gefunden, aber es ist ja keine große Sache, mal schnell einen Cronjob mit dem Befehl

xfdesktop --reload

zu versehen.

Mein Fazit: Ich bin zufrieden.

Ich werde ab jetzt dreigleisig fahren:

  1. Xfce mit meinem guten alten Look&Feel.
  2. GNOME 3 lässt sich vollständig und komfortabel mit der Maus bedienen, was es sehr praktisch macht, wenn man gerade im Bett liegt.
  3. Wenn ich keine grafische Oberfläche brauche, tmux parallel, weil es manchmal ohne GUI durchaus bequemer ist.
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