Der kontinuierliche Desktop

Gestern waren wir bei Oma. Jetzt hat sie ihren Laptop schon ein ganzes Jahr und ich wollte ihr immer was beibringen, habe angefangen, Screencast-Videos zu machen, die ihr zeigen, wie was geht, aber bin an dem Arbeitsaufwand einfach motivationsbedingt gescheitert.

Besucht haben wir sie im letzten Jahr viel zu wenig. Ein Grund, warum ich das mit den Videos angefangen habe.

Jetzt haben wir ihr zu Weihnachten nichts weiter als das Versprechen geschenkt, sie mindestens einmal wöchentlich zu besuchen und ihr bei der Gelegenheit auch ihren Rechner zu erklären.

Im Zuge dessen habe ich einige Überlegungen angestellt. Im Moment hat sie Linux Mint LTS mit GNOME 2. Ein Umstand, der zwei Probleme mit sich bringt. Zum einen gibt es GNOME 2 bald nicht mehr, was einen Umstieg erforderlich macht. Zum anderen bin ich wegen der schlechten Sicherheitspolitik bei Canonical davon weggekommen, Ubuntu und seine Derivate zu benutzen oder zu empfehlen.

Zuerst hatte ich nur Ubuntu aus meiner Empfehlungsliste endgültig gestrichen, als sie mit dem Unity-Quatsch anfingen. Dass ich das früher oder später tun würde, hatte sich aber auch davon schon immer mehr abgezeichnet, weil Mark Shuttleworth nun mal dazu neigt, plötzliche und unerwartete Entscheidungen zu treffen. Der Irrsinn mit den linken Fensterbuttons war ja angeblich eine Entscheidung des Design-Teams, der er sich selbst fügte und die ihm eigentlich nicht gefiel. Glauben wir ihm das einfach mal. Trotzdem ist es doch interessant, wie toll diese Anordnung den Workflow von Unity unterstützt. Und Unity als Standard-Desktop war definitiv Shuttleworth‘ alleinige Idee, nach eigener Aussage geboren in einem Anfall von Prast auf die GNOME-Entwickler. Angeblich wollte er sich ja sogar gänzlich von GNOME trennen. De facto basiert Unity auf GNOME. Dann las man (ob das von ihm kam, weiß ich nicht), dass Unity ja nur eine Zwischenlösung sei, weil GNOME 3 nicht pünktlich zum nächsten Release in benutzbarer Form vorliegen würde. Man wolle dann später auf GNOME 3 umsteigen. Warum dann nicht einfach weiter GNOME 2 nehmen, so wie sie es ja auch getan haben, als sie Unity drauf packten? Weil es kein neues GNOME-2-Release gab? Ist doch albern. Dann nimmt man eben dieselbe Version wie im vorherigen Ubuntu-Release. Also alles ein bisschen unsinnig. Wenn ich mich recht entsinne, wollte Shuttleworth auf gar keinen Fall etwas mit GNOME 3 zu tun haben. Und wie sieht es heute aus? Unity ist keinesfalls wie damals angekündigt eigenständig, sondern basiert aktuell auf GNOME 3. Da musste schon einiges angepasst werden, also einfach das bestehende, auf GNOME 2 basierende Unity auf GNOME 3 drauf zu klatschen, wird wohl kaum möglich gewesen sein. Unity war unter GNOME 2 nichts weiter als ein Compiz-Plugin. GNOME 3 ist mit Compiz inkompatibel. Das wird wohl einiges an Arbeit gewesen sein, Unity bereit für den neuen Unterbau zu machen. Ich tippe einfach mal ins Blaue, dass es nicht viel mehr Arbeit gewesen wäre, Unity unabhängig zu machen. Und wenn man sich vor Augen hält, dass Unity ja eigentlich langfristig eigenständig werden soll(te?) wegen unüberwindbaren Differenzen zwischen Shuttleworth und den GNOME-Entwicklern, scheint man sich da doch einiges an Mehrarbeit aufgebürdet zu haben. Soll man das mit der Eigenständigkeit unter diesen Umständen dann überhaupt noch glauben? Und was soll man Shuttleworth, bzw. Canonical überhaupt noch glauben? Oder hab ich was verpasst und Shuttleworth hat sich mit den GNOME-Entwcklern wieder versöhnt?

Na ja, alles ein bisschen undurchsichtig. Und das einzige, auf das man sich bei Ubuntu verlassen kann, ist, dass man sich ansonsten auf nichts verlassen kann.

Bei Ubuntuusers ist es geradezu verpöhnt, Linux Mint zu verwenden. Schreibt ein unbedachter User, dass er Mint verwendet, wird er sogleich von mehreren Mods überfallen, die, anstatt ihm bei seinem Problem zu helfen und einfach seine Fragen zu beantworten – was ohne Weiteres ginge, da Mint die Ubuntu-Quellen nutzt und somit nur ein angepasstes astreines Ubuntu und zu Ubuntu selbst vollständig kompatibel ist -, lieber seinen Thread ins Unterforum für andere Betriebssysteme schieben – während Fragen zu vollkommen anderen Distributionen im normalen Support-Bereich verbleiben dürfen – und den User mit Fragen und Aussagen bedrängen, warum er denn Mint benutzt und dass er ja auch direkt Ubuntu nehmen kann und ja sowieso alles nur eine Frage von apt-get install IRGENDWAS sei. Anstatt Hilfe zu bekommen, muss sich ein Mint-User bei Ubuntuusers oftmals nur (oder zumindest auch) für die Wahl seiner Distribution rechtfertigen. Und oft genug bleibt als Fazit, Mint sei anders, da könne oder wolle man nicht helfen und wer so stur ist und unbedingt Mint benutzen will, der soll sich gefälligst an die Mint-Community wenden. Ich wiederhole in diesem Zusammenhang nochmal: Bei Problemen mit anderen Distributionen wie Arch, Gentoo, Debian, etc. wird anstandslos geholfen – im normalen Ubuntu-Supportbereich. Da mault niemand, Arch sei ja anders und man solle seine Frage doch bitte ins Arch-Forum stellen. Und die Leute werden auch nicht zur Benutzung von Ubuntu genötigt. Sogar bei Windows-Problemen wird geholfen, meist ohne jeden Missionierungsversuch. Die bekommen Windows-Nutzer nur zu hören, wenn sie sich enttäuscht von Ubuntu anwenden.

Aber zurück zum Thema. Ich habe mich damals mal in eine dieser dubiosen Mint-Diskussions-Querelen reingehängt und Position für Mint ergriffen. Mein Argument war der Grund, weshalb ich den Leuten lieber Mint aufschwatze als Ubuntu. Und das war der Punkt Kontinuität. Die Mint-Community macht nämlich nicht allen Scheiß mit, der in Ubuntu landet. Es wurde sich klar geäußert, dass Mint nicht den Weg zu Unity mitgeht. Und auch, dass so lange auf den XServer gesetzt wird, bis sein Nachfolger, Wayland, ausgereift genug ist, ihn zu ersetzen. Shuttleworth dagegen hatte den Umstieg bereits zum nächsten Release angekündigt. Das ist jetzt über ein Jahr her und Ubuntu nutzt immer noch den XServer. War wohl doch alles noch nicht mal eben eingepflegt, wie Shuttleworth sich das vorgestellt hatte. Jedenfalls sind die Mint-Distributoren auch alles andere als begeistert von den fragwürdigen Entscheidungen und Überraschungen im Hause Canonical. Sie möchten Kontinuität erhalten, wo man mit Ubuntu schon wieder neue Wege geht. Dieses von mir eingebrachte Argument war das erste, das der größte Ubuntu-Faschist im Forum nicht entkräften konnte, wie er es ausdrückte. Schade, dass persönlicher Geschmack anderer Leute da einfach nicht zählt, aber anderes Thema.

Ende 2010 habe ich mich intensiv mit einsteigerfreundlichen Distributionen befasst. Derer gibt es ja viele. Bei den meisten fehlt es allerdings am deutschsprachigen Support, weshalb eigentlich nicht viel übrig blieb. openSUSE fand ich damals noch grauenhaft, bei Mandriva wusste man aus anderen Gründen als bei Ubuntu noch weniger, wo die Reise hin geht und Debian Stable ist naturbedingt weit vom Aktualität entfernt und genügte außerdem damals nicht meinen Ansprüchen in Sachen Einsteigerfreundlichkeit. Ich wollte ein System, das in derselben Weise einsteigerfreundlich war wie Ubuntu und außerdem einen großen deutschsprachigen Background hat. Letztlich blieb eigentlich nur Linux Mint mit Ubuntuusers als Anlaufstelle für Support.

So fiel insbesondere meine Wahl für Oma auch auf Linux Mint. Damals war natürlich schon abzusehen, dass Mint auf GNOME 3 umsteigen würde. Es war auch von einem Fallback-Modus die Rede, der so sein sollte wie GNOME 2. Das habe ich mal als Tatsache angenommen und mich somit darauf eingestellt, dass Oma nur einmal die Bedienung eines Desktops lernen muss, der sich vielleicht weiter entwickelt, aber nicht völlig verändert.

Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. GNOME 3 kam. Und der Fallback-Modus wollte so überhaupt nicht mehr an GNOME 2 erinnern. Wenn ich das gerade richtig im Kopf habe, wollen die GNOME-Entwickler den Standard-Desktop sogar auf nicht-3D-fähige Grafikkarten anpassen, sodass man es in Zukunft nur noch mit der GNOME-Shell zu tun hat. Also kurz vor Weihnachten wieder die grauen Zellen angestrengt und darüber nachgedacht, wie ich das Unheil eines neuen unbekannten Desktops von Oma abwenden könnte. Ich fragte mich schon, ob es nicht von Vorteil sei, dass Oma bisher so wenig mit ihrem GNOME 2 umgehen konnte und es kaum kannte. So hätte ich den Laptop einfach noch mal mitnehmen und etwas Anderes drauf installieren können. Eine andere Idee war (und ist noch immer), mal die Weiterentwicklung von Xfce abzuwarten, irgendwann darauf umzusteigen und zu hoffen, dass Oma jegliche Änderung an ihrer gewohnten Bedienung erspart bleibt.

Aber vielleicht hat sie ja auch genau die richtige Distribution auf dem Rechner, um möglichst umstandsfrei den Weg zu GNOME 3 beschreiten zu können. Mint setzt nämlich inzwischen auf MATE, einen Fork, der auf GNOME 3 basiert, aber wie GNOME 2 aussehen soll. Ich will die aktuelle Version 12 nun mal testen. Sie erhebt nicht den Anspruch, einwandfrei zu funktionieren und ist erst mal nur ein notdürftiges Experiment, wie es scheint, aber sie kann hoffentlich schon mal einen kleinen Einblick gewähren, was mit der nächsten Version, auch wieder LTS, zu erwarten ist.

Auf den ersten Blick wirkt MATE wie eine Mischung aus GNOME 2 und GNOME 3. Der Fallback-Modus ist nicht zu übersehen.

Ich will mal hoffen, dass, egal, was die GNOME-Entwickler machen, MATE immer am Nabel von GNOME 2 sein wird, bzw. sich zwischen einzelnen Umstiegen nicht viel Umgewöhnungsnotwendigkeit ergibt, Linux Mint 13 (die nächste LTS) einen problemlosen Umstieg von GNOME 2 ermöglicht und Version 17 (wohl die übernächste LTS) ebenso schmerzlos angegangen werden kann.

Version 9, die Oma auf ihrem Rechner hat, wird noch bis April 2013 mit Updates versorgt. Im April 2012 erscheint Version 13. Wir müssten also irgendwann im Laufe des Jahres, spätestens bis April 2013 das Upgrade auf Linux Mint 13 machen.

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